„Alle Jahrzehnte einmal bricht sie wieder hervor,
die Wissenschaft der erfundenen Lösungen und der
Ausnahmen: die ‘Pataphysik.
Vielleicht genau dann, wenn die Welt ruhig betrachtet
am verrücktesten, am brutalsten wirkt, verwirrt,
nur Probleme, aber keine Lösungen bietet. Die ‘Pataphysik
bietet dann zwar keine Erlösung, jedoch eine unendliche
Anzahl von Lösungen an, da sie sich methodisch
ausschließlich mit diesen beschäftigt, nach
dem immer verträglichen und brutalen Motto: zuerst
die Lösung, dann das Problem.
(...)
‘Pataphysik gibt es natürlich schon seit
immer und sie war überall auf dieser Welt vorhanden.
Erst aber um das Jahr 1900 wurde sie bewusst eingesetzt,
nämlich vom Schriftsteller Alfred Jarry. Obwohl
sie bis heute hauptsächlich von Literaten gepflegt
und gepredigt wird, ist sie keine philosophisch-literarische
Schule, die in Paris gegründet wurde, um der Gefräßigkeit
von Buchstabenkonsumenten vorgeworfen zu werden. Sie
ist eine Wissenschaft mit eigener Hochschule, dem Collège
de ‘Pataphysique in Paris, mit einem globalen
Forschernetz und vielen medienwirksamen Anhängern,
zumindest alle paar Jahrzehnte einmal, wenn sie wieder
auftaucht.
(...)
Wie überall, wo mensch sich ans Erklären der
‘Pataphysik heran macht, wird auch hier näher
auf Alfred Jarry eingegangen werden müssen. (...).
Durch die Schaffung vor allem zweier Figuren wurde der
1873 geborene und 1907 gestorbene Jarry berühmt
und mit ihm die ‘Pataphysik: König Ubu und
Doktor Faustroll.
(...)
Ubu ist ein Monster von einem Wesen, ein wenig dumm,
von einer gleichwertig brutalen, aber vielleicht helleren
und ehrgeizigeren Ehefrau angetrieben; der Mutter Ubu,
die ihn motiviert, den König zu massakrieren und
sich selbst zum solchen zu machen.
(...)
Ubu wird von vielen eher als ein Mythos, als die Symbolfigur
für die sich verselbstständigende Mutwilligkeit
der Macht, denn einfach nur als eine Figur des Theaters
oder der ‘Pataphysik gesehen. Ubu steht bei erster
Betrachtung für den nimmersatten, machthungrigen,
kleinbürgerlichen Diktatortypen, im Großen
wie im Kleinen, den das XIX. Jahrhundert geboren und
welcher das XX. Jahrhundert verwüstet hat.
(...)
Doktor Faustroll braucht sich mit keinem Teufel einzulassen,
um einiges auf den Kopf zu stellen. In Taten und Ansichten
von Doktor Faustroll läßt Alfred Jarry den
Wissenschaftler auf die Menschheit los. Dieser überschüttet
diese dann darin mit ‘pataphysischer Methodik
und Theorie und zieht alle, die sich einlesen, in seinen
Bann, wie ein Doktor seine weißen Mäuse in
den Bann zieht.
(...)
Warum beschäftigen sich aber avantgardistische
Schriftsteller, solche die mensch als revolutionär
humanistisch umschreiben kann, wie Boris Vian, Raymond
Queneau (... sein Freund André Blavier, Enrico
Baj, Umbert Eco- [Ergänzung der Verfasserin L.Z.])
u.v.a. in den 50er Jahren dann plötzlich nicht
nur mit der ‘Pataphysik, sondern leben und vertreten
sie auch, ganz im Sinne Ubus? Sie organisierten sogar
das ‘Pataphysische Collège, welches stark
an die Strukturen der katholischen Kirche, vor allem
an den Jesuitenorden erinnerte, (...)
Die Erklärung, warum mitten im kalten Krieg, mitten
im Atombombenzeitalter die ‘Pataphysik ein taugliches
Element der Kritik sein konnte, ist einfach: mit der
wissenschaftlichen Nonsens-Methode der ‘Pataphysik
können alle Phasern der Gesellschaft neu verzerrt
und somit nicht selten ins richtige Licht gerückt
werden, kann das, was der Mensch allen Ernstes von sich
gibt, als eindeutig un-ernst enttarnt werden. Ohne zu
relativieren, will die ‘Pataphysik eine übertriebene
Realität darstellen, die der Realität sehr
nahe kommen soll. Ganz klar, für Vian, Queneau
u.v.a. war die ‘Pataphysik der Schwarze Humor
im Dienste der Revolution und des Humanismus.
(...)
Die ‘Pataphysiker exerzieren in ihren Alpträumen,
ähnlich wie schon einst Marquis de Sade, vor, wie
grauslich die Welt ist, sie sind Spiegel aus schwarzem
Humor und über das gesehene Abbild seiner selbst
muß mensch lachen, auch wenn dieses Lachen noch
so unpassend und demaskierend ist. Sie lassen sich nicht
auf die Diskussion ein, ob sie es ernst meinen oder
nicht, einzig die Darstellung des Wahnwitzes als menschliche
Komödie steht im Vordergrund
(...)
Aber jeder Alptraum, egal wie groß, ist nur eine
Ausnahme. Grund genug, die Hoffnung nicht zu verlieren?
Die ‘Pataphysik als letzte Instanz läßt
nur Ausnahmen zu, keine Allgemeinregel, somit auch keine
Hoffnung. Nicht jeder Mensch ist Ubu, vielleicht aber
nur jeder, der regieren will, und wer will das nicht?
Die ‘Pataphysik bringt keine neuen Kenntnisse,
behauptet sie sowieso, daß jede Form von Kenntnis
‘pataphysisch ist, sie will nur die grotesken
Seiten der Menschheit, die in ihrer Normalität
schon jeden Schrecken eingebüßt haben, so
darstellen, dass sie wieder unerträglich werden.“
Aus:
Alptraum ‘pataphysisch
Oder die Kunst, die Welt so zu sehen, daß einem
dabei lachend schlecht wird. 8/2000
von Alexander Schürmann-Emanuely.
VITA ODETTE BLAVIER
Odette Blavier (née Laurent) épouse d’André
Blavier
la Calamine,1926 – Verviers, 2003
Etudes: Bibliothéconomie, Province de Liège
Profession : Bibliothécaire-documentaliste, Faculté
de Medecine,
Service de Radiologie, Université de Liège
de 1960 à 1986
Collogiste autodidacte.
QUESTIONARIO MARCEL PROUST
Une image de Odette Blavier
À travers le questionnaire Marcel Proust (Livre
de France. Revue littéraire mensuelle. Raymond
Queneau. Paris en décembre 1960. Page 8)
Was
ist für Sie das größte Unglück?
être S.D.F.
Wo möchten Sie leben?
Ici, chez moi. / Hier, bei (in) mir.
Was ist für Sie das vollkommene
irdische Glück?
Existerait-il autre chose que le terrestre? / Gibt es
etwas anderes außer dem Irdischen?
Welche Fehler entschuldigen Sie
am ehesten?
Celle que je commettrais moi-même. / Diejenigen,
die ich selbst begehe.
Ihre liebsten Romanhelden?
Sherlock Holmes, Don Quichotte, Gargantua, Gulliver
Ihre Lieblingsgestalten in der
Geschichte?
Chaplin.
Ihre Lieblingsheldinnen in der
Wirklichkeit?
Je n’en trouve pas! / Ich finde keine!
Ihre Lieblingsheldinnen in der
Dichtung?
Penelope, Diane.
Ihr Lieblingsmaler?
Il y en a haut! Parmi eux, au petit bonheur = M.Pirenne,
R.Magritte, M.Mariën, J.Beuys,...
Ihr Lieblingsmusiker?
Idem!... Pousseur, Nono, Stockhausen, Cage,...
Welche Eigenschaften schätzen
Sie bei einem Mann am meisten?
L’intelligence- Le refus de la guerre / Intelligenz
und Kriegsverweigerung
Welche Eigenschaften schätzen
Sie bei einer Frau am meisten?
Aussi, l’intelligence. / Auch die Intelligenz
Ihre Lieblingstugend?
J’ai longtemps réfléchi au sens
à donner - Peut-être, la courtoisie, la
frabilité, la bonne humeur
Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Pèche à la documentation pour mes futurs
collages / Die Suche nach brauchbarem Material (Dokumenten)
für meine künftigen Collagen
Wer oder was hätten Sie sein
mögen?
Moi. / Ich selbst.
Ihr Hauptcharakterzug?
La tolerance, Spaß am längeren Gedankenspiel
Was schätzen Sie bei Ihren
Freunden am meisten?
La gentillesse, la convivialité / Die Freundlichkeit
Ihr größter Fehler?
Pour autant que je m’ en connaisse (que je ne
me tromp pas sur moi-même): la timidité,
les rêves utopiques-
Ihr Traum vom Glück?
Immortalité assurée!?! / Versicherte Unsterblichkeit?
Was wäre für Sie das
größte Unglück?
Apprendre que c’est impossible. / Zu lernen (erfahren),
dass das unmöglich sei
Was
möchten Sie sein?
Moi
Ihre Lieblingsfarbe?
Le rouge, mais je ne sais pas pourquoi. / Rot, aber
ich weiß nicht warum.
Ihre Lieblingsblume?
La pervenche (=Immergrün) le perce-neige (Schneeglöckchen)
Ihr Lieblingsvogel?
La mésange, l’hirondelle / Die Meise, die
Schwalbe
Ihre Lieblingsschriftsteller?
R. Queneau, J. Joyce, A. Schmidt, etc. etc. etc.
Ihre Lieblingslyriker?
R. Queneau, encore, H. Ball, beaucoup d’autres,
et A. Blavier.
Ihre Helden in der Wirklichkeit?
J. Happart, Mao.
Ihre Heldinnen in der Geschichte?
M.Curie, M.Monroe.
Ihre Lieblingsnamen?
Manon, Muriel, Mireille, Aude.
Was verabscheuen Sie am meisten?
La guerre, sous que n’importe quel préteste
/ Den Krieg, ganz gleich unter welchem Vorwand
Welche geschichtlichen Gestalten
verachten Sie am
meisten?
Les militaires, donc! /Die militärischen, folglich!
Welche militärischen Leistungen
bewundern Sie am meisten?
Aucun, donc! / Keine, folglich!
Welche Reform bewundern Sie am
meisten?
La suppression de la peine de mort, l’I.V.G. /
Die Abschaffung der Todesstrafe,
Welche natürliche Gabe möchten
Sie besitzen?
De l’audace, de l’equilibre, de l’invention.
/ Wagemut, Ausgeglichenheit, Erfindungsgabe
Wie möchten Sie sterben?
Pas du tout, bien entendu. / Auf keinen Fall, verstanden!
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Détente, Lucidité. / Entspannt, klar
Ihr Motto?
Le travail, c’est la santé. / Die Arbeit
ist die Gesundheit
Vive le Père Ubu!
/ Es lebe Père Ubu“! |