Das
Recherche-Projekt »Maison Blavier« der italienischen
Künstlerin Liana Zanfrisco widmet sich dem Leben
und Schaffen der belgischen Pataphysikerin Odette Blavier.
Dabei geht es der Künstlerin um den Versuch eines
biographischen (Alltags-)Archivs und eines Identitätsprofils
der Odette Blavier zugleich, denn "ihre Kleidung,
ihr Haus, ihre Einrichtung, die eben keine Möblierung
war, ihr Tagesablauf, ihre Lieblingsautoren, ihr Verhältnis
zur Nahrungsaufnahme, ihre Vorlieben und Abneigungen,
ihr Alltag, ihr eigenes Verhältnis zur Kunst und
Kultur...waren Teil dieser gelebten pataphysischen Identität".
Im Zentrum des Projektes steht Zanfriscos persönliche
Beziehung zu der Person Odette Blavier und ihr persönlicher
Bezug zu deren pataphysischem Leben, in dem Lesen, Schreiben,
Zeichnen und Collagieren wesentliche Bestandteile ausmachten.
So
ist "Maison Blavier" auch durchaus als Hommage
an eine Frau zu verstehen, die – laut Zanfrisco
– Kunst und Leben konsequent verbunden hat und
Qualitäten verkörperte, die in einer Gegenwart
von Wissenschaftsgläubigkeit und Spektakelkultur
ein leises und dennoch utopisch-subversives Gegengewicht
schaffen können. Die akribische Beschreibung dieses
gelebten Gegengewichtes der Pataphysik leistet die Künstlerin
mit ihren eigenen Mitteln. Die in der Galerie artfinder
von Liana Zanfrisco gezeigte Installation mit Fotos,
Collagen, Film und Texten entspricht der Art und Weise
in bildnerisch anschaulicher Form die pataphysischen
Welten der Odette Blavier, ihr Leben, ihre Strukturen
und Freiheiten zu repräsentieren.
Der
Begriff "Pataphysik" bezeichnet die Wissenschaft
der erfundenen Lösungen und Ausnahmen von der Regel,
d.h. die Pataphysik widmet sich nicht den Phänomenen,
die durch Erfahrung überprüfbar geworden zu
sein scheinen und auf allgemeine Gesetze schließen
lassen, sondern dem Extraordinairen, dem andersartigen
Einzelfall. Diesen untersucht und bespricht sie aus
unterschiedlichen Perspektiven und unternimmt auf diese
Weise den Versuch, Wirklichkeit anhand von Ausnahmeerscheinungen
zu beschreiben. Ein großes Interesse an tiefenpsychologischen
Vorgängen rückt die Pataphysik in die Nachbarschaft
von surrealistischen Strategien; auch sie erkennt nichts
Festgeschriebenes an, sondern bietet vielmehr eine "unendliche
Anzahl von Lösungen an, da sie sich methodisch
ausschließlich mit diesen beschäftigt, nach
dem immer verträglichen und brutalen Motto: zuerst
die Lösung, dann das Problem."
Die
Installationen Liana Zanfriscos repräsentieren
inhaltlich wie formal die pataphysischen Welten der
Odette Blavier. Auch ästhetisch entstehen immer
neue Konstellationen der Wirklichkeiten, die auf neue
Lösungen führen – erst die Bilder von
etwas, dann das Handeln zu etwas. So wäre auch
die Präsentationsform in unterschiedlichen Medien
und Konstellationen im Sinne der Portraitierten.
Liana Zanfrisco wurde in Civitavecchia geboren und legte
ihr Diplom an der Accademia di Belli Arti in Rom ab.
Seit 1992 lebt und arbeitet sie in Henri-Chapelle, Belgien,
wo sie gemeinsam mit Wolfgang Schulte die Galerie Villa
Pelsser leitet. |